Überblick
Eine Wissensrisikoanalyse priorisiert nach vier Dimensionen: Personenabhängigkeit, Geschäftsauswirkung, Ersetzbarkeit und Zeitdruck. Wissen, das an einer einzelnen Person hängt, das operativ viel bewirkt, das sich schwer ersetzen lässt und bei dem die Zeit drängt, gehört zuerst gesichert.
Mit einer Wissensrisikoanalyse gehst du Wissensmanagement smart an
Der Anspruch, wirklich alles Wissen im Unternehmen zu erfassen, führt fast immer zu Überforderung – und damit dazu, dass am Ende gar nichts passiert. Ein Dokumentationsprojekt, das jede Rolle und jeden Prozess gleich behandelt, bindet enorm viele Ressourcen, ohne dass die dringendsten Risiken deshalb schneller gesichert wären. Eine Risikoanalyse dreht die Reihenfolge um: erst bewerten, dann gezielt handeln:
- Zuerst wird eingeschätzt, welches Wissen besonders kritisch ist.
- Anschließend werden die größten Risiken priorisiert.
- Erst danach wird entschieden, welche Form der Wissenssicherung sinnvoll ist.
Fünf Bewertungsdimensionen für deine Wissensrisikoanalyse
Eine Wissensrisikoanalyse kann sehr einfach gehalten oder auch sehr komplex gedacht werden. Es gibt hier kein normiertes Verfahren. Eine pragmatische erste Analyse gelingt dir mit diesen fünf Dimensionen:
- Geschäftliche Auswirkungen
- Personenabhängigkeit
- Wahrscheinlichkeit des Wissensverlusts
- Ersetzbarkeit und Einarbeitungsaufwand
- Zeitdruck
1. Geschäftliche Auswirkungen
Überlege zuerst, welche Folgen es hätte, wenn ein bestimmtes Wissen in deinem Unternehmen verschwinden würde.
- Würde ein wichtiger Prozess ins Stocken geraten?
- Entstünden Verzögerungen, Fehler oder hohe Kosten?
- Wären Kund:innen, Lieferanten oder wichtige Projekte betroffen?
- Könnte das Unternehmen gesetzliche, vertragliche oder sicherheitsrelevante Anforderungen nicht mehr erfüllen?
- Müssten Entscheidungen oder Problemlösungen aufwendig neu entwickelt werden?
Nicht jedes seltene Wissen ist automatisch geschäftskritisch. Wichtig ist erst einmal, was von diesem Wissen abhängt.
2. Abhängigkeit von einzelnen Personen
Wissensrisiken entstehen häufig dort, wo kritisches Wissen in einzelnen Köpfen konzentriert ist.
- Wie viele Personen verfügen tatsächlich über dieses Wissen?
- Gibt es eine Vertretung?
- Können andere Mitarbeitende die relevanten Entscheidungen nachvollziehen?
- Ist das Wissen dokumentiert oder lebt es überwiegend in Erfahrungen und Routinen?
Wichtig: Die reine Anzahl der Wissensträger:innen ist hier gar nicht so relevant. Viel interessanter ist für dich die Frage, ob das Wissen im Ernstfall auch übertragbar wäre. Denn wenn fünf Kolleg:innen wissen, dass sich ein Textilstück „noch nicht richtig“ anfühlt, aber das nicht in eine klare Regel übersetzen können, hilft das auch niemandem.
3. Wahrscheinlichkeit des Wissensverlusts
Auch die Wahrscheinlichkeit, dass das Wissen tatsächlich einfach aus deinem Unternehmen verschwinden könnte, erhöht das Wissensrisiko.
Mögliche Auslöser gibt es eine ganze Reihe:
- eine bevorstehende Kündigung,
- ein geplanter Ruhestand,
- eine interne Versetzung,
- längere Abwesenheiten,
- eine hohe Fluktuation,
- Überlastung oder Krankheit,
- der Weggang externer Dienstleister,
- Veränderungen in Teams oder bei Verantwortlichkeiten
Bei komplexem Erfahrungswissen reicht eine kurze Übergabe am letzten Arbeitstag in der Regel nicht aus und die Gefahr ist hoch, dass dann ein erheblicher Teil des Wissens verloren geht.
Relevant sind deshalb vor allem:
- die verbleibende Zeit,
- die Kündigungs- oder Übergabefrist,
- die Verfügbarkeit geeigneter Nachfolger:innen,
- die Dauer, bis das Wissen praktisch angewendet werden kann,
- der Umfang bereits vorhandener Sicherungsmaßnahmen
4. Ersetzbarkeit und Einarbeitungsaufwand
Nicht jedes Wissen ist gleich schwer zu ersetzen. Unterscheide also zwischen der Ersetzbarkeit einer Person und der Ersetzbarkeit ihres Wissens.
- Gibt es intern oder extern geeignete Ersatzpersonen?
- Wie lange dauert die Einarbeitung?
- Welche formalen Qualifikationen sind erforderlich?
- Wie viel Erfahrungswissen muss aufgebaut werden?
- Gibt es viele Sonderfälle oder individuelle Entscheidungslogiken?
- Kann das Wissen durch Schulungen vermittelt werden, oder muss es über längere Zeit praktisch erfahren werden?
Kenntnisse in einer Standard-Software lassen sich zum Beispiel vergleichsweise schnell nachschulen. Jahrzehntelang gewachsenes Kundenverständnis, unternehmensspezifische Zusammenhänge oder die Fähigkeit, anhand weniger Signale direkt ein Problem einzugrenzen, lässt sich dagegen deutlich schwerer übertragen.
5. Zeitdruck
Hier überlegst du, wieviel Zeit dir bleibt, bis das Risiko tatsächlich eintreten könnte bzw. ab wann es deutlich schwieriger wird, Wissen wirksam zu sichern.
Hoher Zeitdruck kann bestehen, wenn:
- eine Person bereits gekündigt hat,
- ein kurzfristiger Austritt bevorsteht,
- ein Projekt an eine einzelne Person gebunden ist,
- eine wichtige Übergabe noch nicht begonnen hat,
- ein Ruhestand oder eine Versetzung unmittelbar bevorsteht,
- bereits Anzeichen für einen Wissensverlust bestehen.
Achtung, hier aber etwas um die Ecke denken: Eine kurzfristige Kündigung kann zum Beispiel hohen Zeitdruck erzeugen. Ein Renteneintritt im nächsten Jahr kann aber genauso riskant sein, wenn die Übergabe lange dauert oder sich gar kein:e Nachfolger:in findet – also ein direkter Wissenstransfer nicht möglich ist.
So gehst du bei der Wissensrisikoanalyse vor
1. Kritische Bereiche und Wissensthemen sammeln
Es reicht hier schon, zunächst besonders wichtige Bereiche, Prozesse und Beziehungen zu dokumentieren. Anschließend erfasst du, wer über dieses Wissen verfügt und wer es im Ernstfall benötigen würde.
2. Wissensträger:innen und Beteiligte einbeziehen
Die Bewertung sollte nicht ausschließlich durch Geschäftsführung oder HR erfolgen. Sinnvoll ist die gemeinsame Einschätzung durch:
- Geschäftsführung, Team- oder Bereichsleitung,
- HR,
- die Wissensträger:innen selbst,
- mögliche Nachfolger:innen,
Wissensträger:innen können am besten einschätzen, welche Aspekte ihres Wissens dokumentiert sind und welche nur durch Erfahrung oder persönliche Beziehungen funktionieren. Führungskräfte können die geschäftliche Bedeutung einordnen. Nachfolger:innen zeigen, wo Wissen in der Praxis noch fehlt.
3. Risiken bewerten
Alle relevanten Wissensthemen bewertest du jetzt anhand der Risikodimensionen. Hier kommt es nicht auf eine mathematisch exakte Bewertung an. Wichtig ist, dass du einen Überblick hast, wo ein besonders hohes Risiko besteht und warum.
4. Maßnahmen festlegen
- Sofort sichern: Wenn hohe Personenabhängigkeit, hohe Geschäftsauswirkung, niedrige Ersetzbarkeit und hoher Zeitdruck zusammen kommen – Alarm! Hier solltest du die Wissenssicherung sofort angehen. Das Wissen muss aus dem Kopf der Personen raus, im Kontext erfasst und für andere nutzbar gemacht werden. wingmaite kann dich dabei unterstützen.
- Systematisch planen: Hohes Risiko, aber kein akuter Zeitdruck? Dann reicht ein geplanter, aber trotzdem zeitnahe stattfindender Prozess.
- Im Alltag erfassen: Bei mittlerem Risiko kannst du die Wissenssicherung gut in den Alltag der Wissensträger:innen integrieren. Du musst nicht unbedingt ein eigenes Projekt aufsetzen.
- Beobachten: Niedriges Risiko in allen Dimensionen – hier reicht es, die Einschätzung bei der nächsten regelmäßigen Prüfung erneut vorzunehmen.
Nutz’ die Risikoanalyse als Ausgangspunkt für besseres Wissensmanagement in deinem Unternehmen
Eine einmalige Wissensrisikoanalyse löst das Problem nicht dauerhaft. Sie zeigt dir zuerst einmal, wo überhaupt Handlungsbedarf besteht. Anschließend braucht es Strukturen, durch die Wissen im Arbeitsalltag erhalten bleibt und nicht erneut vollständig an einzelne Personen gebunden wird. Wie das gelingt, zeigen wir dir in unserem großen Wissensmanagement-Leitfaden.
Beschränke dich dabei aber nicht nur auf klassische Dokumentation. Vor allem implizites Wissen, also Erfahrungswissen, wird besser im Gespräch erfasst. wingmaite unterstützt dich dabei. Unsere KI erfasst Erfahrungswissen, führt es mit bereits vorhandenen Informationen zusammen und macht relevante Zusammenhänge für Teams, Nachfolger:innen und neue Führungskräfte nutzbar.
So entsteht Schritt für Schritt ein vernetztes Unternehmensgedächtnis. Schau dir am besten selbst an, wie wingmaite dir hilft, kritisches Wissen im Unternehmen zu halten.
Häufig gestellte Fragen
Wer sollte eine Wissensrisikoanalyse durchführen? Im Idealfall gemeinsam Geschäftsführung und Teamleitungen – die Geschäftsführung für den Überblick über geschäftskritische Bereiche, die Teamleitungen für die konkrete Einschätzung einzelner Rollen.
Wie detailliert muss die Bewertung sein? Für den Start reicht eine einfache Einschätzung je Dimension, etwa hoch/mittel/niedrig. Eine aufwendige Skala mit vielen Abstufungen bringt selten mehr Erkenntnis, aber deutlich mehr Aufwand.
Wie oft sollte man die Analyse aktualisieren? In festen, überschaubaren Abständen – etwa halbjährlich oder bei größeren personellen Veränderungen –, statt sie einmalig durchzuführen und dann liegen zu lassen.